KulturArena 2009 mit Theaterspektakel eröffnet
Traditionell begann die Jenaer KulturArena am Donnerstagabend mit dem Theaterspektakel. In diesem Jahr gelangte „Wilhelm Tell“ nach Friedrich Schiller zur Aufführung. Teils rockig, teils kitschig, auf jeden Fall aber modern und sehenswert.
Nach grandiosen Theaterspektakeln der Jahre 2008 („Der Sturm“) und 2007 („Die Orestie“) ist die Erwartungshaltung bei Kritikern und Publikum gleichermaßen groß: Kann das Team um Regisseur Markus Heinzelmann das Idenfeuerwerk der vorjährigen Aufführungen mit ihrer Interpretation des „Wilhelm Tell“ noch übertreffen? Für die ersten 60 Minuten der Vorstellung kann vorweg genommen werden: Yes, they can!
Wieder nutzen Heinzelmann und Dramaturg Martin Wigger jede Gelegenheit, klassischen Stoff zu verballhornen und doch mit allem gebotenen Ernst die Botschaft ins Jahr 2009 zu transportieren: Es geht um Helden und darum, was Mensch zum Helden macht.
Doch ist der Begriff Held zwangsläufig und ausschließlich an das männliche Geschlecht gebunden? Markus Heinzelmann verneint diese Frage und besetzt den Wilhelm Tell mit einer Frau (Vera von Gunten). Bliebe nun noch in zweieinhalb Stunden Spielzeit zu klären: Sind es ausschließlich heroische Taten vom Schlage eines Che Guevara oder Juri Gagarin, die die Kategorie Held ausfüllt? Oder gilt auch der als Held, der namenlos als Demonstrant unter Tausenden aufbegehrt und Mauern zum Einsturz bringt wie einst die Menschen auf den Straßen der ehemaligen DDR im Herbst 1989?

1804 entwickelte Schiller in seinem Jenaer Gartenhaus die ersten Ideen für den Tell, der nun, reichlich 200 Jahre später, in Sichtweite zum Landsitz des Dichters in der KulturArena aufgeführt wird. Für Regisseur Markus Heinzelmann schließt sich so der Kreis: „Es war naheliegend, anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schiller und 20 Jahre nach dem Mauerfall den Wilhelm Tell aufzuführen.“
Das Spiel der Darsteller gerät bisweilen zu einer Mischung aus temporeichem Musical und Slapstick-Komödie, wenn etwa Che aus einem Trabant steigt und sich in den Rütli-Schwur gesellt, um dort eine Rede zu halten, die dem Reporter im Off spanisch vorkommt („Wir berichten jetzt live von der Geburtstunde der Schweiz und schalten nun zum Rütli-Schwur...“). – Viva la Revolution! Viva Wilhelm Tell! (Szenenapplaus.) Da sind sie wieder, diese herrlichen Momente voller Respektlosigkeit vor den großen Stoffen berühmter Dichter, die zum Markenzeichen des Jenaer Theaterhauses unter der Leitung von Markus Heinzelmann geworden sind. Und nicht nur nebenbei: Dieser Tell funktioniert auch deshalb, weil er sich in einem Bühnebild bewegt, dass in dieser Art nur Gregor Wickert zu kreieren vermag.
Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Konrad Baumgarten erschlägt den Burgvogt von Unterwalden und flieht während eines Unwetters zum Vierwaldstättersee, über dessen Wasser er gerudert werden will, um sich vor den Verfolgern zu verstecken. Tell (erscheint effektvoll in Szene gesetzt auf der Bühne wie ein Superstar) eilt ihm zu Hilfe und bringt Baumgarten ans rettende Ufer (Szenenapplaus). Zur Vergeltung aber verheeren die Verfolger Hütten und Herden der See-Anwohner.
Doch die Habsburgischen Besatzer treiben es zu weit; des Volkes Unmut wächst und bricht sich Bahn. Angeführt von den angesehenen Bürgern Werner Stauffacher (Saskia Taeger) und Walther Fürst (Zoe Hutmacher), beschließt eine Handvoll Aufrechter, gegen die Unterdrückung zu kämpfen und die Freiheit der Schweiz wiederherzustellen.
Auf dem Rütli wird das Bündnis zwischen Schwyz, Uri und Unterwalden beschworen, doch die Tat – die Befreiung von der Fremdherrschaft – wird aufgeschoben. Tell, der auf dem Rütli noch nicht zum Bund der Verschworenen zählt, weigert sich wenig später, den aufgestellten Hut des Landvogts zu grüßen. Und so kommt es zur berühmten Apfelschuss-Szene, in der Tell auf Geheiß des Landvogts Gessler (Gunnar Titzmann: „Wer klug ist, lernt schweigen und gehorchen“) seinem Sohn (bei Heinzelmann ist es die Tochter), einen Apfel vom Kopf schießen muss. Der Schuss gelingt und alles könnte gut sein, doch...
Die Inszenierung ist absolut sehenswert; mit leichter Hand wird der Zuschauer durch das Stück geführt, das trotz 150 Minuten Spielzeit keine Längen aufweist und die Geschichte einer (beinahe) friedlichen Revolution erzählt. Da kommen Alltagshelden aus Hamburg zu Wort, steht die 8-fache deutsche Bogenschützen-Meisterin Christiane Röher auf der Bühne und alles in allem wähnt sich der Zuschauer in einem Musical. Da wird oft gesungen und viele Textpassagen sind mit chilligen Klängen (Filip Hiemann) unterlegt und – als es besonders kitschig wird – ertönt die Titelmusik von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.
Letztlich rächt sich Tell an Gessler und erschießt diesen. Nein, natürlich nicht mit dem Bogen, sondern – wer Inszenierungen des Duos Markus Heinzelmann/ Martin Wigger kennt, kommt von selbst darauf – mit einer Pistole. Wie hieß es noch zuvor am Rütli? Wir sind ein Volk und einig wollen wir handeln! Vor 20 Jahren gingen die Menschen in Ostdeutschland mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ auf die Straße und fegten eine Obrigkeit hinweg, deren Politik - wider besseren Wissens - Beifall gezollt wurde und so im übertragenen Sinn man den aufgestellten Hut grüßte. Doch der Drang nach Freiheit siegte. Beim Tell gleichermaßen wie vor 20 Jahren in der DDR.
Fotogalerie: Theaterspektakel "Wilhelm Tell" nach Friedrich Schiller.
Text: Jens Mende
Fotos: Markus Kämmerer, happyarts.de
Besetzung:
Wilhelm Tell: Vera von Gunten
Hermann Gessler, Reichsvogt in Schwyz und Uri: Gunnar Titzmann
Stauffacher: Saskia Taeger
Walther-Fürst: Zoe Hutmacher
Werner, Freiherr von Attinghausen, Bannerherr: Kai Meyer
Ulrich von Rudenz, sein Neffe: Ralph Jung
Rösselmann, der Pfarrer: Andreas Waidosch a. G.
Kuoni, der Hirte: Bernhard Dechant a. G.
Ruodi, der Fischer: Ralph Jung
Arnold vom Melchtal: Julian Hackenberg
Konrad Baumgarten: Ulrich Reinhardt
Gert, Stauffachers Gatte: Bernhard Dechant a. G.
Hedwig, Tells Gattin, Fürsts Tochter: Grazia Pergoletti a. G.
Berta von Bruneck, eine reiche Erbin: Waltraud Steinke-Löscher a. G.
Tells große Tochter: Hannah Heinzelmann
Tells kleine Tochter: Emma Heinzelmann, Paula Cramer (abwechselnd)
Heidi, Stauffachers Tochter: Mira Reichstein / Hanna Sieburg
Bogenschützin: Christiane Röher
Special Guest: Antonio Cerezo
Regie: Markus Heinzelmann
Bühne: Gregor Wickert
Kostüme: Anne Buffetrille
Musikalische Leitung: Vicki Schmatolla
Bläserarrangements/Komposition: Nikolaus Woernle
Video: Heiko Kalmbach
Live-Kamera: Sebastian Gimper
Choreografie: Antonio Cerezo
Dramaturgie: Martin Wigger
Live-Musiker:
Solo-Tuba: Janni Struzyk
Blues- und Gospelgesang: Karen Caroll
Gesang und Gitarre: Therese Marcinkievicz
DJ und Sounds: Filip Hiemann (schleck^stecker)
Schlagzeug: Vicki Schmatolla
Mitglieder der Brass Band BlechKlang Jena und der BMV Oldstars
Trompete: Katja Rosenkranz, Ulrike Schrön, Manuela Lotze, Thomas Rothhardt
Horn: Stefan Hundertmark, Michael Götz
Posaune: Ariane Viller, Tobias Rosenbaum, Adina Weiße
Euphonium: Martin Lesser
Tuba: Lothar Leuthold, Frank Schultz
Sowie Mitglieder des Jugendtheaterclubs, die »Kümmerer« aus Hamburg und zahlreiche Mitwirkende aus Jena und Umgebung.
Die Vorstellungen am 10. und 11. Juli sind ausverkauft. Für Sonntag, den 12. Juli (21:30 Uhr), sind noch Karten erhältlich.












