München wählt den Jenaer Weg
„Wenn man mit dem Kopf voller Vorurteile aus dem Westen nach Jena kommt, staunt man Bauklötze!“ Im Gespräch mit jenanews.de spricht Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) über den Jenaer Weg und was die bayrische Landeshauptstadt von Jena, dem München des Ostens, lernen kann.
Am vergangenen Wochenende weilte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude auf Einladung von Dr. Albrecht Schröter, Oberbürgermeister der Stadt Jena, zu Gast in unserer Stadt. jenanews.de traf sich am Freitagabend mit Christian Ude zum Interview.
jenanews.de: Herr Ude, Sie werden mit Ihrer Gattin das Wochenende in Jena verbringen. Welcher Anlass führt Sie nach Jena und welche Programmpunkte wird es geben?
Christian Ude: Ich werde mir mehreres anschauen: In Gesprächen werde ich vertiefen, wie das Facility Management hier in der Praxis funktioniert, denn das Modell [der sog. Jenaer Weg, d. Red.] hat mir sehr gut gefallen. Das betrifft die Zusammenfassung der städtischen Immobilien, dass nicht jede Behörde, jedes Dezernat oder Referat die eigenen Immobilien schlecht und recht verwaltet und saniert und betreut, sondern dass man dies in einer fachlich kompetenten Zentrale zusammenfasst, dabei aber den Schulsektor mit gewissen Eigenständigkeiten ausstattet. Das ist für mich fachlich das Interessanteste.
Dann bin ich gern zum Jahresempfang der Jenaer mittelständischen Wirtschaft gekommen, denn ich glaube, dass die mittelständische Wirtschaft der Hoffnungsträger schlechthin in diesem Jahr ist. Von den Großkonzernen kommen eher deprimierende Meldungen und die Finanzdienstleister, die sich schon mal als Industrie aufgespielt haben, sind im Moment das größte Problem unserer Wirtschaft.
Wir haben aber noch weitere Programmpunkte ausgesucht, zum Beispiel werden wir hier einen Kabarettabend erleben dürfen. Das interessiert mich schon sehr, wie sich eine Kleinkunstbühne in einer kleineren Stadt behaupten kann.
jenanews.de: Sie sind nicht zum ersten Mal in Jena. Wie ist Ihr Eindruck von unserer Stadt? Was gefällt Ihnen in und an Jena und wo sagen Sie, müssen wir unsere Hausaufgaben noch machen?
Christian Ude: Also es ist in der Tat so, wenn man mit dem Kopf voller Vorurteile aus dem Westen nach Jena kommt, staunt man Bauklötze: Der demografische Wandel ist ja keine Erfindung – ich habe das in vielen ostdeutschen Städten erleben können, wie es ist, wenn es keine Jugend auf der Straße gibt und die Überalterung sich schon im Straßenbild niederschlägt – das ist hier ganz anders. Es ist eine Universitätsstadt mit studentischem Leben auf der Straße, da werden auch viele nach der Ausbildung vielleicht als Existenzgründer in der Stadt bleiben. Hier ist die Zukunftsperspektive wirklich im Stadtbild zu sehen. Zudem ist das hier keine Monostruktur, also es ist nicht nur die Wirtschaftssparte, die man weltweit mit dem Namen Jena verbindet, sondern ist zum Beispiel auch der Gesundheitssektor ein bedeutender Arbeitgeber. Das ist für eine Stadt immer gut, wenn sie keine Monostruktur hat und mindestens auf zwei - möglichst auf mehr - Beinen steht.

jenanews.de: Sie schreiben Kolumnen in der Münchner Abendzeitung. Ist das Ihr Ventil zum Berufsalltag, der ja oftmals diplomatisches Geschick erfordert?
Christian Ude: Ein Ventil ist es auf jeden Fall, aber das psychisch bedeutsame Ventil sind für mich Kabarettauftritte oder satirische Bücher...
jenanews.de: Sie treten auch im Kabarett auf?
Christian Ude: Ja! Da kann man so richtig vom Leder ziehen und muss sich nicht diplomatisch verbrämen. Nein, die Kolumnen – und das ist ja nur eine, ich schreibe in drei Münchner Zeitungen Kolumnen – sind für mich eine herrliche Gelegenheit, nicht nur zu kommunalen Fachfragen Stellung zu nehmen, sondern auch mal in der Landes- oder Bundespolitik auf den Tisch zu hauen oder sarkastische Kommentare zu verfassen! Ich betrachte das als Themenerweiterung, die mir sehr sehr großen Spaß macht.
jenanews.de: Sie haben 2004 ein Buch mit dem Titel „Ich baue ein Stadion und andere Heldensagen“ veröffentlicht. In Jena werden derzeit die Pläne des FC Carl Zeiss Jena, eine neue Fußball-Arena zu bauen, kontrovers diskutiert. Ist es aus Ihrer Sicht angemessen, in Krisenzeiten einen 18 Mio-Neubau für Profifußballer zu befürworten?
Christian Ude: Ich kann die Frage nicht pauschal bejahen oder verneinen. Wir haben uns auch in München schwer genug getan und fünf Jahre lang gestritten, das die Fetzen flogen und fast jeder hat wie ich in diesem Streit einmal die Meinung geändert.
Ich war wie der ganze Stadtrat und wie auch die bayrische Staatsregierung der Meinung, der Fußball sollte im Olympiastadion bleiben, aber die Fußballer wollten partout nicht und dann hatte sich auch noch herausgestellt, dass der Umbau des Olympiastadions gar nicht möglich oder zumindest nicht vertretbar ist, so dass wir dann doch klein beigeben mussten.
Aber jetzt erleben wir eine weitere Wandlung: All die Fußballer, vor allem die beiden Vereine, die das Stadion auf Teufel komm ’raus haben wollten und erklärt hatten, ohne ein neues Stadion geht die Welt unter, die brechen jetzt unter den großen Finanzlasten zusammen und man fragt sich jetzt, ob man sich wirklich hat leisten können, was damals unbedingt sein musste.
Mit anderen Worten: Ein Stadion kann schon einen enormen Auftrieb geben, kann einer Stadt Selbstbewusstsein geben und die Stimmung verbessern. Aber man soll sich vorher dreimal überlegen und nachrechnen, ob man es sich wirklich leisten kann, auch wenn die Fußballspiele der Zukunft nicht so ausgehen, wie man sich das wünschen möchte. Selbst mit dieser Möglichkeit sollte man nüchtern rechnen (lacht).
jenanews.de: Herr Ude, Sie sind seit fast 16 Jahren OB der Stadt München – dreimal traten Sie zur Wiederwahl an und verbesserten jeweils Ihr Ergebnis, im Jahr 2008 kamen Sie gar auf knapp 67% - machen Sie Ihren Job also richtig gut oder bedeutet das Wahlergebnis, dass es in München eine stabile SPD-Mehrheit gibt?
Christian Ude: An der Mehrheit für die SPD liegt es nicht. Die SPD schneidet bei Landtags- und bei Bundestagswahlen sehr bescheiden ab und bei Europawahlen sogar vernichtend schlecht.
Es hat etwas mit der Kommunalpolitik zu tun. Da haben wir eine Tradition, die Jahrzehnte über meine Amtszeit zurück reicht. Das war unter Thomas Wimmer so, dem Oberbürgermeister der Nachkriegszeit, der die historische Altstadt Münchens wieder aufbauen ließ; das war unter dem heute noch geschätzten und verehrten Oberbürgermeister [Hans Jochen] Vogel so, der die Olympischen Spiele geholt hat und unter Georg Kronawitter, der ja auch zweimal im Amt bestätigt wurden ist - also in der Kommunalpolitik ist die Münchner SPD einfach gut.
jenanews.de: Zum Schluss noch einen Tipp für ambitionierte Kommunalpolitiker: Was braucht es, um ein erfolgreicher Oberbürgermeister zu sein?
Christian Ude: Man kann es nicht auf eine Formel bringen. Man muss über mehrere –scheinbar widersprüchliche – Eigenschaften verfügen: Man muss ein guter Top-Manager sein, weil man ein riesiges Unternehmen zu leiten und zu lenken hat, aber man muss darüber hinaus auch ein Kommunikator sein, der die ganze Stadtgesellschaft zumindest mehrheitlich mitnehmen und überzeugen kann und man sollte – was ich auch für wünschenswert halte – ein politisches Profil haben, das einfach die Bevölkerungsmehrheit im Auge hat und nicht Sonderinteressen, die sich gern des Rathauses bemächtigen wollen.
Das Interview als Podcast:
Das Gespräch führte Jens Mende.
Fotos: Markus Kämmerer, happyarts.de









